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Kreuzfahrt-Anbieter Carnival führt Wearable ein

Kreuzfahrt-Anbieter Carnival führt Wearable ein

Carnival stattet die REGAL PRINCESS mit einer revolutionären Technologie aus: Das Ocean Medallion ist ein hochmoderner RFID-Chip. Dem sind diverse persönlichen Daten des Gastes hinterlegt, ein aktuelles Foto, Adresse, Zahlungsmittel. Diese Daten werden von Mobile Devices ausgelesen, die alle Mitarbeiter des Schiffes bei sich tragen. Man weiß also immer, wer von den rund 3.350 Gästen [...]

 

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Revolution auf See. Kreuzfahrt-Anbieter Carnival führt Wearables ein. Im April wird die REGAL PRINCESS nach Hamburg kommen. Es ist ein hübsch gezeichnetes Kreuzfahrtschiff aus der Royal-Klasse der zu Carnival gehörenden Princess Cruises. 2014 in Dienst gestellt, 330 Meter lang, mit einem Glasboden-Gang 40 Meter über dem Meer, der „Seawalk“ heißt, und einer sich über drei Decks erstreckenden „Piazza“. Die verfügt über eine imposante Freitreppe für den coolen Auftritt, die verblüffenderweise auf Deck 7 endet. Aber, hej, sind wir nicht alle auch ein wenig schräg? Auf den ersten Blick, so möchte man meinen, ein schönes, aber nicht besonderes Schiff. Und doch verdient es unsere Aufmerksamkeit. Die REGAL PRINCESS fährt in die Zukunft der Kreuzfahrt.

Ab November wird das Schiff zum Technologie-Träger: Nachdem Royal Caribbean Cruises die WOW-Bands eingeführt hat als Gadgets, mit denen man die Kabinen-Türen öffnen und in den Restaurants bezahlen kann, stattet Carnival die REGAL PRINCESS mit einer Technologie aus, wie man sie aus amerikanischen Vergnügungsparks kennt – Kernstück des Ocean Medallions ist ein hochmoderner RFID-Chip. Dem sind diverse persönlichen Daten des Gastes hinterlegt, ein aktuelles Foto, Adresse, Zahlungsmittel (etwa die Kreditkarte), bestimmte Vorlieben. Diese Daten werden von Mobile Devices ausgelesen, die alle Mitarbeiter des Schiffes zukünftig bei sich tragen. Man weiß also immer, wer von den rund 3.350 Gästen des Schiffes da vor einem steht.

Man weiß aber noch viel mehr über den Gast. Denn das Schiff wird mit cirka 7.000 Sensoren ausgestattet, die ständig die Daten verarbeiten, die von den Gadgets gesendet werden. Man muss sich das ähnlich vorstellen wie ein Mobilfunknetz. Allerdings nur lokal und um ein Vielfaches leistungsfähiger. Carnival wird damit den gesamten Prozess der Kreuzfahrt revolutionieren: Der Gast bekommt nach der Buchung einer Reise das 51 Gramm wiegende Medallion zugeschickt. Er trägt es wie ein Amulette um den Hals, wie eine Uhr am Armband, wie einen Ohrring oder in der Hosentasche. Und das Schiff erkennt den Gast, sobald er an Bord kommt, weiß immer, wo der sich aufhält, was er isst und trinkt, welche Ausflüge gebucht wurden. Wer mag, kann den Chip über eine App mit Informationen füttern: welche Nahrungsmittel man nicht verträgt, wann man gern aufsteht, in welchem Restaurant man bevorzugt isst und zu welcher Uhrzeit. Das Gerät lernt sogar. Wenn man das so liest, erinnert das System ein wenig an HAL, den Bordcomputer aus „2001 Odyssee im Weltraum“. Der wusste auch alles. Bis er am Ende mit schmeichlerischer Stimme zu verhindern suchte, dass man ihn ausschaltete: „Tu das nicht, Dave…“

 

 

 

 

Die Erfinder des Systems haben früher bei Walt Disney World gearbeitet und sich anfangs bloß die Frage gestellt, wie man die Abläufe an Bord eines Schiffes verbessern könne. Denn für den Gast sei die Kreuzfahrt vor allem ein Urlaub. Da nerve es doch nur, dass man in langen Schlangen vor der Rezeption stehen und auf den Check-In warten müsse. Das Ocean Medallion wird diese Prozesse revolutionieren. Und weit mehr. Man hat dafür in einer Fabrikhalle bei Miami sogar ein Stück Schiffseinrichtung nachgebaut, um die Technik auszuprobieren. Jetzt geht es um die Einführung. Die wird rund einige hundert Millionen Dollar kosten, so die Aussage von Carnival CEO Arnold W. Donald bei der aktuellen Consumer Electronics Show in Las Vegas. Selbst für ein Unternehmen, das im zurück liegenden Geschäftsquartal 1,4 Milliarden Dollar Umsatz gemacht hat, keine Peanuts.

Die Einführung der Wearables nimmt Carnival zum Anlass, Kreuzfahrten neu zu erzählen. Dafür ließ CEO Donald sogar eigens eine Fernseh-Show produzieren, „The Voyager with Josh Garcia“. Die Zuschauer begleiten den Schauspieler auf seinen Schiffsreisen um die Welt. 80 Folgen des aufwändig gemachten, in Kooperation mit NBC ausgestrahlten TV-Formats sind geplant. Die Show als Verheißung, die Wearables als technologische Basis. Analysten glauben, dass sich die Investitionen rentieren, denn die Gäste werden an Bord mehr ausgeben. Zudem befriedige das Device den Hunger nach Daten. Denn selbstverständlich lassen sich all die Informationen auswerten. Und man darf sich nicht wundern, wenn man als Carnival-Gast von Zeit zu Zeit eine E-Mail erhält vom Schiff: „Willst du nicht mal wieder an Bord kommen, Dave?“

Auf die Frage, ob diese Eingriffe in die Privatsphäre von manchen Gästen nicht auch als Belästigung empfunden werde, antworteten die Disney-Experten bei Carnival, dass es durchaus einige geben werde, die das unheimlich fänden – sie nutzten das doppeldeutige Wort „creepy“ –, doch vor allem würden viele die Vorteile sehen. Und als man das neue Device mit einigen Gästen getestet hatte, waren die meisten so begeistert, dass sie fragten, ob man das Ocean Medallion auch mit den persönlichen Social Media-Kanälen verbinden könne. An der Weiterentwicklung arbeite man bereits…

 

 

Text: MORE THAN CRUISES, Fotos: Princess Cruises, Recherchequellen: Princess Cruises, Wired, New York Times