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Expedition zu Eisbären und Narwalen: Mit AKADEMIK IOFFE in die kanadische Arktis

Expedition zu Eisbären und Narwalen: Mit AKADEMIK IOFFE in die kanadische Arktis

Eisbären mit frisch erlegtem Mittagessen, Tausende Vögel und die Einhörner der Meere: Das bekommen Fotografen bei einer Expedition rund um Baffin Island in der kanadischen Arktis vor die Linse. Dabei ist der Weg das Ziel – Wetter und Eislage bestimmen die Route

 

Manchmal hat man Glück: Ein Eisbär ist gleich bei der ersten Ausfahrt mit dem Zodiac zur Stelle. (Archivbild vom 9.8.2016/Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher.) Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

Manchmal hat man Glück: Ein Eisbär ist gleich bei der ersten Ausfahrt mit dem Zodiac zur Stelle. Foto: Verena Wolff/dpa

 

„Wow! Wow! Wow!“ Judy ist überwältigt. Dick eingepackt und grell-orange leuchtend, paddelt die Neuseeländerin im Kajak durch das von Eis übersäte Polarmeer. Das Wasser ist salzig – und kalt. Drei Grad etwa. Und immer besteht die Chance, dass direkt vor dem Boot ein Wal auftaucht. Die Kajak-Fahrer tragen Sportkleidung in mehreren Lagen, darüber Wärmendes und schließlich einen orangefarbenen, hundertprozentig wasserdichten Overall. So beschreibt ihn Mark Scriver, unser Anführer im roten Boot. Und wir glauben ihm: Um einen der Anzüge anzuziehen, braucht es zwei Menschen – einer quält sich hinein, der andere zieht und zerrt am Dry-Suit. Die Gummibündchen sind so eng, dass das Blut langsamer in die Finger fließt.

Auf dieser Expedition der AKADEMIK IOFFE geht es in der kanadischen Arktis rund um Baffin Island, die fünftgrößte Insel der Welt. 13 Tagen. Die Strecke von Iqaluit nach Resolute ist gut 2000 Seemeilen oder 3800 Kilometer lang. Das russische Expeditionsschiff in kanadischen Diensten ist klein, nur rund 100 Passagiere finden Platz. Nach der Reise kennt man sich.

 

Diese Seereise ist keine Kreuzfahrt

 

Die IOFFE, gechartert von One Ocean Expeditions, reist eigentlich als Forschungsschiff durch die Weltmeere. Die Besatzung und der Kapitän sind russisch, die Guides kommen aus Kanada. Es sind Experten: ein Vogelkundler, ein Geologe, ein promovierter Eisbär-Experte, eine Historikerin und eine Kunstexpertin, die sich in der Hauptstadt Ottawa mit der Kunst der Ureinwohner beschäftigt.

Dass es sich bei dieser Seereise keineswegs um eine normale Kreuzfahrt handelt, wird schon beim Einschiffen klar. Iqaluit ist eine Gemeinde mit 8.000 Einwohnern und die Hauptstadt von Nunavut, einem gewaltigen Gebiet, das vor allem eins ist: abgelegen. Geteerte Straßen gibt es nicht. Die Infrastruktur ist spärlich, Supermarkt, Kirche, ein Stadion, die Verwaltung sowie das Parlament des Territoriums. Architektonischer Charme fehlt ganz. Alles ist beschriftet in Englisch und Inuktitut, der Sprache, auf die sich die Ureinwohner Kanadas geeinigt haben.

Nach einem kurzen Rundgang geht es auf die AKADEMIK IOFFE. Gummiboote mit 60-PS-Motoren bringen die Gäste zum Schiff. Schwimmweste an, ins Zodiak, raus aus dem Zodiak, die steile Gangway hinauf, Schwimmweste aus. Diese Prozedur wird sich während der 13-tägigen Reise zur Routine. Expeditionsleiter Boris Wise stellt beim ersten Treffen klar: Es handelt sich um eine Expedition. Es gibt zwar eine Route, die verschiedene Halte vorsieht – ob das Wetter aber mitspielt, wird sich zeigen. „Am wichtigsten ist es, dass wir zur vorgegebenen Zeit in Resolute ankommen.“ Denn reguläre Flüge von der dortigen Schotterpiste gibt es nur selten. Eiskarten werden täglich auf das Schiff gefunkt. So weiß die Besatzung, auf welche Route sie das Schiff steuern kann – denn ein Eisbrecher ist die IOFFE nicht.

 

 

Wenn die Besatzung Eisbären oder Wale ausmacht, verlangsamt das Schiff die Fahrt oder hält an. Aber auch das ist Zufall. Es kann passieren, dass sich tagelang kein Tier zeigt, außer den Seevögeln, die uns begleiten. Es kann aber auch passieren, dass der erste Eisbär gleich bei der ersten Ausfahrt parat steht – gesichtet vom Vogelkundler Jacques Sirois, jetzt im Fokus der Kamera-Objektive.

Der Bär ist jugendlich und wohlgenährt, wie Eisbär-Experte Nick Pilfold über die Walkie-Talkies mitteilt, und 
alles andere als scheu. Nachdem er eine halbe Stunde für Fotos posiert hat, trollt er sich – und taucht später an einer anderen Stelle erneut auf. Das allerdings bringt eine Eisbär-Mutter mit zwei Jungen in arge Bedrängnis. Sie flüchten. Erklärung von Nick: „Eisbären fressen die Jungen auf, wenn sie nichts anderes finden.“ Meist aber ernähren sie sich von Robben, wie wir live miterleben. Bereits an den ersten Tagen sind zwei „Kills“ zu beobachten: Bären, die sich über ihre frisch erlegten Robben hermachen. Blut färbt das Eis. Am Ende der Reise wird die Zahl der gesichteten Eisbären 17 betragen, darunter eine Mutter, die mit ihren drei Jungen vom Boot wegschwimmt. Experte Nick sagt: „Das sehen wir äußerst selten, dass eine Bärin drei Kinder versorgt.“

Unterwegs schlägt das eigentlich schöne Wetter um. Nebel umgibt das Schiff. Das Eis wird dichter, einige Landgänge fallen aus. Das ist die Zeit der Experten, die in einem Hörsaal im Bauch des Schiffs ihre Vorträge halten. Historikerin Katie Murray erzählt, warum sich schon im 16. Jahrhundert britische Entdecker auf den Weg nach Norden machten, um nach einer Nordwestpassage zu suchen. Es brauchte einige Expeditionen, die viele Forscher nicht überlebten, bis Roald Amundsen um 1905 eine Passage durchfuhr. „Es gibt verschiedene, wie wir heute wissen“, erklärt Katie. Doch die Routen sind nur schwer passierbar, nur im Sommer ist die Passage frei, der versprochene wirtschaftliche Nutzen einer verkürzten Reisezeit zwischen den Kontinenten hat sich nie eingestellt.

 

 

Seit mindestens 5.000 Jahren leben die Inuit, die Ureinwohner, in dieser extremen Welt. Bis unter minus 50 Grad können die Temperaturen im Winter sinken, von Oktober bis Februar ist es rund um die Uhr dunkel, berichtet Rosie. Die 48-Jährige führt in traditioneller Kleidung die Gäste durch Mittimatalik, das auf Englisch Pond Inlet heißt. Es ist ein kleines Dorf in der Region Qikiqtaaluk. Rosie trägt einen Amautik, die traditionelle Wetterjacke der Inuitfrauen, und die traditionellen Stiefel namens Mukluk, beides aus Seehundfell. Der Mantel ist nicht nur ein warmes Kleidungsstück, sondern vor allem ein praktisches: Die Kapuze ist so groß, dass die Frauen ihre kleinen Kinder in den Mantel schieben können und sowohl der Nachwuchs als auch die Mama in der rauen Umgebung warm bleiben.

Die Kleidung stellen die Frauen seit jeher mit der Hand her. Ihre Stiefel sind mit aufwändigen Stickereien verziert. In der Stadthalle zeigt uns die Tununiq Arsarniit Theatre Group die Traditionen der Ureinwohner: ihre Musik, ihre Rituale und ihr Leben in der unwirtlichen Natur. Da singen zwei Frauen kehlig um die Wette, Theatergründer Lamech Kadloo und einer seiner Neffen zeigen eines der Rituale, mit denen ein Junge in den Kreis der Männer aufgenommen wird: Mit dem Finger im Mundwinkel des jeweils anderen ziehen sie so lange an den Lippen, bis einer vor Schmerzen aufgibt.

 

Das ist das Tollste, was ich je erlebt habe

 

Ted, auch einer der Guides auf dem Schiff, ist selbst Inuit und erzählt bei der Expedition immer wieder, wie er und seine Familie den Traditionen der Vorväter folgen und Robben oder Wale jagen. Er hat sich aus Pond Inlet ein Stück Narwal mitgenommen, das er auch den Passagieren zum Probieren gibt. Diese „Einhörner des Meeres“, wie die Wale wegen ihres bis zu drei Meter langen Zahnes genannt werden, sind nur in der nördlichen Arktis zu beobachten. Und das nur mit viel Glück. In der Buchan Bay schwimmt eine ganze Schule im Wasser. Allerdings sind sie weit vom Schiff weg.

Ein anderes Schauspiel bekommen die Gäste am vorletzten Abend zu sehen: Bei strahlendem Sonnenschein versammeln sich in der Meerenge Lancastersund unzählige Vögel auf dem dunkelblauen Meer, plötzlich tauchen große Rudel Ringelrobben aus dem Wasser auf. Beeindruckend auch die Paddeltour am Croker Bay Gletscher. Die Boote bewegen sich zwischen gewaltigen Schollen, die laut knackend und knisternd im Meer treiben. Es ist kalt, die Sonne strahlt vom stahlblauen Himmel – und wird nicht untergehen. Judy sitzt wieder warm eingepackt im Kajak und lässt den Blick schweifen. „Ich bin schon in vielen Regionen der Welt beim Paddeln gewesen, aber das ist das Tollste, was ich je erlebt habe. Wow!“

 

Zum Themendienst-Bericht von Verena Wolff vom 16. Mai 2017: Die «Akademik Ioffe» ist ein Forschungsschiff. Der Touranbieter One Ocean Expeditions bietet damit touristische Fahrten durch die kanadische Arktis an. (Archivbild vom 9.8.2016/Nur zur redaktionellen Verwendung durch Themendienst-Bezieher.) Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

Die AKADEMIK IOFFE ist ein Forschungsschiff. Foto: Verena Wolff/dpa

 

Verena Wolff/dpa/MORE THAN CRUISES


 

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