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Herr der Segel: der Rigger der ROYAL CLIPPER

Herr der Segel: der Rigger der ROYAL CLIPPER

Sein Reich misst 5.202 Quadratmeter – vertikal im Wind. Alexey kümmert sich als Rigger um die 42 Segel des Fünfmasters „Royal Clipper“. Das größte Passagiersegelschiff der Welt hält sogar einen Eintrag im Guiness Buch der Rekorde.

 

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von Peggy Günther

 

Herr der Segel: der Rigger der ROYAL CLIPPER. Das graue Ungetüm auf dem Sonnendeck zischt und hämmert ohne Erbarmen auf den dicken Stoff ein. Was für eine Höllenmaschine: eine Nadel so dick wie ein Nagel, drei Fußpedale, Gewichtsscheiben, die den Nähfußdruck regulieren – verpackt in einem Meter grauem Metall. Eine estnische Flagge markiert das Arbeitsgerät von Alexey, dem Rigger auf der ROYAL CLIPPER. Er spricht nicht viel, sondern hört lieber Musik bei der Arbeit. Pink Floyd, Rammstein, soliden Rock.

Heute liegt das Groß-Royalsegel auf dem Teakholzdeck. Alexey schneidet frischen Polyester-Segelstoff von der Rolle zu und ersetzt die ausgefransten Passagen. Beim bewussten Blick hinauf in die Masten kann man seine Arbeit überall sehen – helle Flicken in dem von Wind und Wetter gegerbten Tuch. Zwischen drei und zehn Jahre sind die Segel im Einsatz, es dauert rund ein halbes Jahr, bis ein neues geliefert werden kann. Eine gute Pflege ist also unabdingbar. Aus kleinen Rissen werden schnell größere.

„Ein Segel wiegt ungefähr so viel wie eine Frau“, grinst Riggerkollege Oscar aus Honduras. Um es an der Rah zu befestigen, braucht es also schon ein paar Männer. „Ich bin als kleiner Junge schon in die Mangobäume gestiegen“, antwortet er schulterzuckend auf die Frage, ob er schwindelfrei sei. 54 Meter ragen die Masten in den Himmel. Bei gutem Wetter dürfen sogar die Passagiere mal hoch. Aber nur bis zur Plattform an der ersten Rah und gut angeleint.

 

 

Was im Sonnenschein ganz lustig aussieht, wird in der nächsten Nacht bitterernst. Im Restaurant ist lediglich eine leichte Schieflage in Richtung Backbord spürbar. Die Bullaugen der ROYAL CLIPPER stehen sekundenweise unter Wasser, das Meer spielt Waschmaschine. Die Gäste amüsieren sich darüber, dass sie breitbeinig gehen müssen, um das Gleichgewicht zu halten.

Alexey stapft unterdessen mit finsterer Miene übers Deck. Der Wind peitscht ihm ins Gesicht. Blitze zucken über den Nachthimmel. Gischt und Regen spritzen über die Reling. Nach sieben Tagen eitel Sonnenschein wurde die Crew von einem Unwetter überrascht. Nun muss alles schnell gehen: Das Vor-Obermarssegel hat sich losgerissen und schlackert im Wind. Schadensbegrenzung ist angesagt. Alexey steigt hinauf zu der Plattform, auf der am Nachmittag noch die Passagiere Fotos schießen durften, und gibt Anweisungen.

Die Matrosen streifen ihren Friesennerz über und entern ohne einen Augenblick des Zögerns den Mast. Über den Schultern hängen tropfnasse Taubündel. Trotz des Sturms hangeln sie sich gekonnt an der Rah entlang. Die Taue legen sie zu langen Schlaufen und schwingen sie unter der Rah hindurch. Nun sind Muskeln gefragt: Ein Matrose lehnt sich einbeinig tief in das Fußpferd – einen Draht unter der Rah – und angelt mit dem anderen Bein das Seil in der Luft heran. Das flatternde Tuch wird gebändigt.

Die Bilanz am nächsten Morgen: Viel Arbeit für Alexey und Oscar. Sieben Segel sind bei Windstärke Elf in Mitleidenschaft gezogen worden. „Das kann man alles reparieren“, ist sich Dominique, der zweite Offizier der ROYAL CLIPPER sicher. Und stellt es für ihn kein Problem dar, dass auch eines der größten Segel gerissen ist? Das beeinträchtige lediglich die Optik, erklärt Dominique. Das fehlende Segel wirke eben wie eine Zahnlücke.

 

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royal-clipper-segelmacher-26Bei Alexey, dem Rigger der ROYAL CLIPPER, hat Peggy Günther zwei Dinge gelernt: Dass ein Segel ungefähr so viel wiegt wie eine Frau. Und man muss es gut behandeln, soll es so lange wie möglich halten. Segelmacher sind sehr pragmatische Philosophen…