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Kreuzfahrt extrem: Expedition mit dem Eisbrecher zum Nordpol – MORE THAN CRUISES

Kreuzfahrt extrem: Expedition mit dem Eisbrecher zum Nordpol – MORE THAN CRUISES

Kreuzfahrt extrem: Expedition mit dem Eisbrecher zum Nordpol. Krachend bricht sich der rote Riese seinen Weg durch meterdickes Eis – bis zum mystischen Punkt. Eine Reise, so teuer wie ein Kleinwagen. Doch hat es nichts mit dem Preis zu tun, dass einige Gäste am Ende weinen. MORE THAN CRUISES war an Bord

 

Foto: Ulf Mauder

Abenteuer und Alltag: Für die Matrosen der russischen Atomflotte ist der Besuch am Nordpol Routine, die Gäste von Poseidon Expeditions zahlen dafür den Gegenwert eines Mittelklassewagens

 

von Ulf Mauder, Text und Fotos

 

Feurig glänzt das Rot des Eisbrechers 50 LET POBEDY im Sonnenlicht des Hafens von Murmansk. Hier, in der größten Stadt nördlich des Polarkreises, ist die russische Atomflotte stationiert. Der Hochsicherheitsbereich mit Stacheldraht öffnet sich selten für Fremde. Zur wärmeren Jahreszeit aber starten Reisende aus aller Welt von hier aus zu einem besonderen Kreuzfahrt – zu einer Reise zum Nordpol mit dem größten nuklear betriebenen Eisbrecher.

Es ist keine Kreuzfahrt im eigentlichen Sinne. Die 50 LET POBEDY (50 Jahre Sieg) ist ein Arbeitstier. Das 75.000 PS starke Schiff kann Eis bis zu einer Dicke von fünf Metern brechen. Seine Aufgabe, die russischen Polar-Häfen auch im Winter befahrbar zu halten. Im Sommer wird das 160 Meter lange und knapp 30 Meter breite Schiff nicht gebraucht, und die Mitglieder der Crew räumen für die zahlenden Gäste ihre Kajüten mit Meerblick im Oberdeck. Mit russische Gastfreundlichkeit hat das nichts zu tun, Arktis-Kreuzfahrten bringen Geld.

„Im Sommer werden unsere Dienste nicht gebraucht. Trotzdem müssen wir das Schiff unterhalten, die Besatzung beschäftigen und bezahlen“, sagt Kapitän Dmitri Lobusow. Für vier Millionen Rubel (rund 52.000 Euro) am Tag können Reise-Anbieter die 50 LET POBEDY mieten, die etwa zehntägige Kreuzfahrt zum Nordpol kostet in Deutschland etwa 24.000 Euro.

 

 

EINE REISE FÜR…

• Abenteurer kommen auf ihre Kosten, wer ganz mutig ist, nimmt die Badehose mit und wagt das Bad bei 90 Grad
• Genießer werden nur bedingt glücklich. Die Kabinen sind einfach, das Essen erhält das Prädikat „okay“ (so lange man kein Vegetarier ist)
• Luxus darf man in der Ausstattung des Schiffes nicht erwarten. Auch wenn die Reise knapp 24.000 Euro kostet, der wahre Luxus ist das Reiseziel
• Naturfreunde erleben besondere Momente, die einen für den Rest des Lebens begleiten werden

Der 51-jährige Lobusow mit seinem grau schimmernden Bart ist ein Kapitän wie aus einem Kinderbuch. 102 Reisende aus 21 Nationen hat der Russe diesmal an Bord. Rund um die Uhr lässt Lobusow die Brücke geöffnet für Besucher. Sie genießen den Rundumblick, inspizieren die Navigationssysteme und Elektronik. Anke Wodarg aus dem nordrhein-westfälischen Langenfeld ist Dauergast hier.

Die POBEDY rauscht durch die Barentssee. Nur noch die Konturen der Inseln von Franz-Josef-Land sind im Nebel zu sehen. Erst treiben kleine Eisschollen auf der See, dann größere. Bis es tatsächlich Eis zum Brechen gibt, dauert es Tage. „Dieses Krachen zu spüren, den Widerstand des Eises, die mächtige Kraft des Schiffes – das ist herrlich“, sagt die 48-jährige Anke Wodarg. Als es beim Essen kräftig rumpelt, kracht die POBEDY durch meterdickes Eis. Nichts hält die Deutsche mehr am Tisch. Sie muss raus an Deck, zuschauen, wie der Koloss durch die Eiswüste weiter zum Nordpol vordringt. 90 Grad Nord ist das Ziel der Sehnsucht, das „Dach der Erde“.

Die ersten Gäste sind schon am Eindämmern in den einfachen Kajüten mit Einzelbett und Schlafcouch, als die Stimme von Expeditionsleiter Jan Bryde durch die Lautsprecher dringt. „Ein Walross auf einer Scholle. Ein Walross“, ruft er durch den Bordfunk. Jetzt wächst die Hoffnung auf die ersten Eisbären. Viele Gäste haben sich für die Reise entschieden, um das größte Landraubtier der Erde in freier Wildbahn zu sehen. Lange lassen die Polarbären nicht auf sich warten, erst zeigt sich einer, dann noch einer und noch einer.

 

Foto: Ulf Mauder

Eisbär voraus! Die Sehnsucht nach dem Nordpol wird auch befeuert vom Bedürfnis, die Tiere dieser Welt in ihrem natürlichen Lebensraum erleben zu können

 

„Ein Eisbär auf einem Eisberg, meine Damen und Herren! Eisberg mit Eisbär. Eisbääärg“, tönt Brydes Stimme über die Sprechanlage. Helle Begeisterung bricht aus. Die Gäste kommen mit riesigen Teleobjektiven an Deck. Die Russen zücken ihre Satellitentelefone, geben den Sichtungserfolg an Freunde im fernen Moskau durch. Ganz nah kommen sich Schiff und Bär diesmal. „Ein wirklich besonderer Moment“, sagt die Meeresbiologin Annette Bombosch vom Expeditionsteam, die viele Monate im Jahr ihr bayrisches Zuhause in Waldsassen in der Oberpfalz gegen das Leben in Polarregionen eintauscht.

Es geht weiter in Richtung Nordpol. Immer dichter wird die Eisfläche. Mit durchschnittlich 11,5 Knoten – rund 21 Kilometern pro Stunde – bahnt sich die POBEDY in Fahrradgeschwindigkeit ihren Weg zum Ziel der Ziele. Im Schiffssalon und in der Bibliothek vertreiben sich die Gäste die Stunden und Tage bei Vorträgen von Forschern und Naturschützern. Aus dem Westen sind vor allem Geschäftsleute an Bord, auch viele Rentner, die hier die „Reise ihres Lebens“ machen.

Unter den überwiegend jungen russischen Gästen sind Sänger, Comedy-Stars und Schauspieler sowie der frühere Judo-Olympiasportler Dmitri Nossov. Der 35-Jährige trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei von Putin und der russischen Aufschrift: „Russlands Armee“. Eigentlich sollte dies die letzte Reise der „Pobedy“ mit Touristen sein, weil die Regierung andere Pläne mit dem Eisbrecher hatte. Russland will in der Arktis in Zukunft Öl und Gas fördern und den Containerverkehr über die Nordostpassage verstärken. Doch wegen der schweren Wirtschaftskrise liegen die Pläne auf Eis.

 

„90 Grad. Auf die Sekunde genau, Wahnsinn.“

 

Fünf Tage nach dem Start in Murmansk kann Expeditionschef Bryde für  den nächsten Morgen die Ankunft am Nordpol ankündigen. Es ist ein Sonntag. Dass endlich die Sonne scheint, der Himmel blau und das Eis fest ist, wenn die POBEDY ihren Anker herunterlässt, kann er noch nicht versprechen. Aber so kommt es dann.

Jan Bryde weckt die Gäste mit Opernmusik. Sein Team schenkt wenig später Sekt ein – eine Stimmung wie Silvester. „We are the Champions“ erklingt. Der magische Punkt, die nördliche Spitze der Rotationsachse der Erde, ist erreicht. Für Erinnerungsfotos haben viele Passagiere Nationalflaggen mitgebracht. Die Crew lässt die Schiffstreppe auf das Eis, die Passagiere bilden einen Kreis um das eigens aufgestellte rote Nordpolschild mit der Aufschrift „90°N“. Es gibt eine Schweigeminute für den Frieden auf dem Planeten, eine Rede vom Kapitän – und dann das größte Abenteuer des Tages: der Sprung in den arktischen Ozean bei fast minus zwei Grad.

1260 Seemeilen oder 2333 Kilometer hat der Eisbrecher von Murmansk zurückgelegt. Einige weinen vor Glück. Es gibt Wodka, Punsch, ein Grillfest am Schiffsrumpf – und etwas Zeit zum Laufen auf dem Eis mit seinen blau schimmernden Schmelztümpeln an der Oberfläche. Eine Urkunde am Ende der Reise bescheinigt den Erfolg. Kapitän Lobusow ist zufrieden: „So sicher und punktgenau ist das nur mit dem Eisbrecher zu schaffen.“

 

Foto: Ulf Mauder


 


REISE ZUM NORDPOL:
Die Anreise nach Murmansk erfolgt zum Beispiel über Moskau oder St. Petersburg oder mit einem Charterflugzeug.
Für die Einreise nach Russland ist ein Visum erforderlich. Es kann direkt bei einem russischen Konsulat beantragt, über ein Visazentrum (www.vhs-germany.com) oder Reisebüro organisiert werden.

ANBIETER:
Poseidon Expeditions
Tel.: 040-756 68 555
www.poseidonexpeditions.com