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Die Rote Korsarin: Seenotrettungsübung – nicht ohne meine Weste

Die Rote Korsarin: Seenotrettungsübung – nicht ohne meine Weste

Peggy Günther ist CRUISINE, die MORE THAN CRUISES-Kolumnistin. Heute berichtet sie über peinliche Auftritte während der Unterweisung in Rettungsmittel und Fluchtwege an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Auf zu den Rettungsbooten. Frauen und Kinder zuerst?

 

Header-Cruisine

von Peggy Günther

 

Der Salon ist bis auf den letzten Platz gefüllt mit Passagieren, die Rettungswesten tragen. Ein bisschen bedrohlich wirkt die Situation schon. Noch dazu schwindet das Tageslicht, weil das Schiff in einem Grab zu versinken scheint. Dabei ist das Ganze nur eine Seenotrettungsübung – auf einem Kreuzfahrtschiff, das sich in einer Schleuse befindet. Oder zwischen hohen Felswänden. Die Veranstalter nehmen es mit der Sicherheit sehr ernst.

Die Sicherheitsunterweisung an Bord von Schiffen basiert auf der Internationalen Konvention für den Schutz des Lebens auf hoher See (SOLAS). Sie wurde nach dem Titanic-Unglück eingeführt, eine UN-Institution namens International Maritime Organization (IMO) aktualisiert sie regelmäßig. Deren Mitgliedsstaaten verankern die Regeln in ihren Gesetzen, so dass der fahrlässige Umgang mit Seenotrettungsübungen ein Gesetzesbruch wäre. Schiffe können dafür an die Kette gelegt und Passagiere ausgeschifft werden – ohne Anspruch auf Schadenersatz.

Die Teilnahme an der Übung ist also Voraussetzung für das Urlaubsglück auf See. Und dennoch gibt es immer wieder Spezialisten, die mit ihrem Verhalten gleich am ersten Tag der Reise bei der Seenotrettungsübung die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

 

 

Cruisine_collage

Ein Potpourri der Peinlichkeiten bei der Seenotrettungsübung

Top 1: Der Drückeberger

 

Auf seiner zweiten Kreuzfahrt weiß er ganz genau, wie das mit der Sicherheit an Bord funktioniert. Schnell noch ein Bier an der Bar bestellt, bevor diese wegen der Rettungsübung schließt – was ohnehin ein Grund für eine Beschwerde wäre. Und während sich seine Mitreisenden an der Sammelstation die Füße in den Bauch stehen, genießt er die Sonnenstrahlen an Deck. Solange, bis die Crew ihn findet und freundlich, aber bestimmt vorschlägt, doch an der Rettungsübung teilzunehmen. Oder aber gleich wieder die Koffer zu packen. Wenn der Drückeberger dann eine halbe Stunde zu spät an der Sammelstation auftaucht, freut er sich über viele böse Blicke.

 

 

Top 2: Die Modebewusste

„Wenn Sie den Alarm hören, gehen Sie zu Ihrer Kabine, ziehen Sie feste Schuhe und warme Kleidung an und kommen sie mit Ihrer Rettungsweste zur Sammelstation“, lautet die Durchsage. Die Modebewusste fasst die Rettungsweste mit spitzen Fingern an und sorgt sich beim Anziehen vor allem um ihre Frisur. „Herbert, gibt es das Ding nicht auch in einer anderen Farbe? Orange steht mir überhaupt nicht.“ Unzufrieden stolpert sie auf High-Heels die Treppen hinab, da das hässliche Accessoire den Blick auf die Füße versperrt. Anschließend friert sie in ihrem Designerkleidchen, weil sie eine halbe Stunde draußen bei den Rettungsbooten stehen muss. Eine Kreuzfahrt hat sie sich viel luxuriöser vorgestellt…

 

Top 3: Der Pragmatiker

Da die Benutzung der Fahrstühle während der Rettungsübung nicht gestattet ist, sind die Treppenhäuser frequentiert wie sonst nie bei einer Kreuzfahrt. Der Pragmatiker sucht sicherheitshalber mindestens eine halbe Stunde vor Beginn der Seenotrettungsübung den Sammelplatz auf, um nicht Treppen steigen zu müssen. Und um dem Gedränge zu entgehen. Sollte der Sammelplatz in einer Lounge sein, sichert er sich durch frühzeitiges Erscheinen den besten Sitzplatz. Eigentlich müsste das zur Disqualifizierung führen. Es sei denn, der Pragmatiker verfügt über hellseherische Fähigkeiten und würde über den Ernstfall ebenfalls schon eine halbe Stunde im Voraus Bescheid wissen.

 

Top 4: Die Übereifrige

Sie schnürt die Rettungsweste schon eine Stunde vor Beginn der Sicherheitseinweisung fest um den Bauch und will sie auch nicht wieder ausziehen. Die Crew braucht einiges an Überredungskunst, um die Ängstliche davon zu überzeugen, dass das Anziehen nur eine Übung sei. Die anderen Gäste kichern spöttisch hinter vorgehaltener Hand. Und warten, bis auch die Neulinge mit dem Prozedere vertraut sind.

 

 

Top 5: Der Witzbold

„Guck mal, Karin!“ Während die Crew sicherheitsrelevante Hinweise gibt, fotografiert er seine Mitreisenden, die alle so furchtbar albern aussehen. Außerdem hat er ein Repertoire an immer gleichen Witzen in petto: „Wenn es hier heißt, Frauen und Kinder zuerst, melde ich mich für beide Gruppen.“ Nach der Übung schlendert er betont lässig mit seiner Weste unter dem Arm zurück zur Kabine – und stolpert über die Gurte. Autsch…

 

 

Meine Lieblingsrettungsübung war übrigens die auf der „Full Metal Cruise“. Die meist schon am Nachmittag nicht mehr ganz nüchternen Passagiere haben in der Wartezeit spontan Lieder gesungen und sind am Ende in einer Polonaise in Richtung der Rettungsbooten gewankt. So macht Sicherheit doch Spaß!

 

 


Peggy Günther ist eine der wenigen Frauen in der Kreuzfahrt-Branche. Die freie Reisejournalistin kennt mehr als 70 Schiffe – vom kleinen Flusskreuzer bis zum größten Megaliner. Ihre Artikel erscheinen in diversen Publikationen, etwa in der Kreuzfahrtenbeilage der „Zeit“, im „Kreuzfahrt Guide“ und im Fachmagazin „An Bord“. Unter www.cruisine.de veröffentlicht sie ausgewählte Reisetagebücher, Tipps für individuelle Landgänge und die spitzen Kommentare ihres Alter Egos…