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Der Schiffsflüsterer: „Cruise from hell.“ Oder: die Mär vom Dünnpfiffdampfer

Der Schiffsflüsterer: „Cruise from hell.“ Oder: die Mär vom Dünnpfiffdampfer

Franz Neumeier ist Der Schiffsflüsterer von MORE THAN CRUISES. In seiner Kolumne klärt er über technische Phänomene der Kreuzfahrt auf, etwa wie eine Bowlingbahn an Bord funktioniert, und er hinterfragt Mythen und Klischees. Etwa die Sache mit dem Dünnpfiffdampfer...

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Der Schiffsflüsterer: Cruise from hell. Franz Neumeier erklärt Phänomene der Kreuzfahrt. In seiner aktuellen Kolumne geht es um einen unappetitlichen Kreuzfahrt-Gast – den Noro-Virus. Aber: Ist der eigentlich so oft an Bord, wie uns manche Medien glauben machen?

 

Cruise from hell? Das Thema ist ein wenig eklig: In schöner Regelmäßigkeit macht der böse Noro-Virus Schlagzeilen, dann heißt es oft, „erneut“ sei ein Magen-Darm-Virus auf einem Schiff ausgebrochen. Boulevard-Zeitungen berichten von „Dünnpfiff-Dampfern“ (Bild-Zeitung), britische oder amerikanische Medien machen dann aus der Kreuzfahrt eine „Cruise from Hell“. Dabei sucht der Virus nur selten ein Kreuzfahrtschiff heim. Und wenn doch, dann ist in der Regel nur ein kleiner Teil der Passagiere betroffen. Die meisten anderen bekommen kaum etwas mit – außer dass sie zusätzliche Hygiene-Maßnahmen an Bord bemerken.

Akute Magen-Darm-Erkrankungen, salopp als „Noro“ bezeichnet, sind ein Alltagsphänomen. Krankenhäuser, Altersheime und Kindergärten sind regelmäßig betroffen. Niemand regt sich ernsthaft darüber auf, Boulevard-Zeitungen schreiben nicht über „Kotz-Kliniken“ – obwohl Noro gerade für Kleinkinder, kranke und alte Menschen gefährlich ist. Gesunde Menschen stecken den Virus locker weg und sind nach zwei, drei Tagen wieder fit. Trotzdem macht keine Zeitung große Schlagzeilen aus Noro-Vorfällen in Krankenhäusern oder Altersheimen. Warum also auf Schiffen, wo es für die Betroffenen keine wirkliche Gefährdung darstellt?

 

Zahlen belegen: Die Hysterie ist unbegründet

 

Vor einiger Zeit habe ich einmal amerikanische Zahlen der Gesundheitsbehörde CDC ausgewertet –die sind wegen der Vielzahl der Schiffe in amerikanischen Häfen aussagekräftiger und leichter zugänglich als deutsche. Um zu verstehen, warum die Hysterie um Noro auf Kreuzfahrtschiffen so absurd ist, reichen die Zahlen von 2012 vollkommen aus: Demnach liegt das Risiko, sich auf einem Schiff mit dem Virus zu infizieren bei 0,028 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, sich Noro an Land einzufangen liegt bei 6,37 Prozent. Das ist 230mal höher.

Warum also die Aufregung, wenn gelegentlich auch mal ein paar Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs daran erkranken? Fühlt sich da jemand aus seiner Heile-Welt-Illusion herausgerissen, die man Kreuzfahrten gerne zuschreibt?

 

Schiff_Klo_blau

 

Oder steckt da Neid und Häme dahinter, á la: „Wer sich eine teure Luxus-Kreuzfahrt leisten kann, dem geschieht es ganz recht, wenn er sich auf dem Klo krümmen muss“? Oder ist der Durchfalls Gottes Strafe für die Prasserei an Bord? Kreuzfahrten nehmen, trotz aller Popularität, mit zwei bis drei Prozent Marktanteil noch immer eine recht kleine Nische ein im großen Reisemarkt. Da fällt draufhauen leicht, weil man gerade bei Boulevard-Zeitungen den eigenen Lesern kaum auf die Füße tritt, aber wunderbar Neid und Vorurteile schüren kann.

Noch ein anderer Aspekt lässt „Cruise to Hell“- oder „Dünnpfiff-Dampfer“-Schlagzeilen geradezu absurd wirken: Laut CDC-Statistiken gab es 2015 nur zwölf Noro-Ausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen, die amerikanische Häfen anliefen und daher in der CDC-Statistik erfasst wurden. Selbst wenn ein Kreuzfahrtschiff betroffen ist, werden im Schnitt nur etwa sechs Prozent der Passagiere tatsächlich krank. Bei einem Schiff mit 2.500 Passagieren sind das rund 150. Anders gesagt: 2.350 Passagiere sind nicht betroffen

 

Von wegen Dünnpfiff-Dampfer, man reist eher auf einem Schniefnasen-Schiff

 

Hartnäckiger Husten und Erkältungen sind viel häufiger. Aber haben wir schon jemals die Schlagzeile „Husten-Hölle Kreuzfahrtschiff“ oder „Schniefnasen-Dampfer“ gelesen? Dabei ist man der Ansteckung mit einer Erkältung viel mehr ausgeliefert.

Gegen Noro kann man sich dagegen gut schützen: regelmäßig Hände waschen, Finger aus dem Gesicht lassen und möglichst wenig Toiletten-Türgriffe und Aufzugsknöpfe anfassen. Schon sinkt das Ansteckungsrisiko drastisch.  Aber das ist natürlich langweilig, wenn man auf Schlagzeilen aus ist. Das macht die ganze schöne: „Wir wussten ja schon immer, dass Kreuzfahrten des Teufels sind“-Story kaputt.

Und so bleibt uns nur, mit Gelassenheit die Geschichten zu lesen, die sich die anderen über Kreuzfahrten ausdenken, ohne sie in Relation zu setzen mit der Wirklichkeit. Und sich zu freuen auf die nächste mit dem Schiff, die höchstwahrscheinlich keine Cruise from hell wird.

 

Welle

 


 

franz-neumeier_neuFranz Neumeier hat sich als freier Reisejournalist auf Kreuzfahrten-Themen spezialisiert. Er schreibt regelmäßig für große deutsche Zeitungen, Magazine und Fachzeitschriften, ist einer der Autoren des „Kreuzfahrt Guide“, veröffentlicht Bücher zum Thema Kreuzfahrt und hat mit Cruisetricks.de ein sehr erfolgreiches Blog sowie einen Podcast zum Thema. Neben der Kreuzfahrt gilt seine ganz große Liebe seiner Familie und amerikanischen Schaufelraddampfern.