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Die Rote Korsarin: Der Fluch der Kaloribik – Essen an Bord

Die Rote Korsarin: Der Fluch der Kaloribik – Essen an Bord

Peggy Günther ist CRUISINE, die Rote Korsarin und MORE THAN CRUISES-Kolumnistin. An Bord eines Schiffes erlebte sie den Zusammenbruch eines Gastes – er hatte keinen Herzinfarkt, sondern sich schlicht und einfach überfressen. Das brachte unsere Autorin auf eine gute Idee...

 

Header-Cruisine

von Peggy Günther

 

Der Fluch der Kaloribik: Neulich auf dem Weg zu meiner Kabine auf einem Flusskreuzfahrtschiff. Vor mir im Flur ein älterer Herr, sehr laaangsam. Nichts, was man nicht gewohnt wäre auf einem Flusskreuzer. Auf einmal bleibt er stehen. Stöhnt. Hält sich am Geländer fest. Krümmt sich. Oh, Gott, soll ich jetzt dem ersten Herzinfarkt meines Lebens beiwohnen?

Beherzt spreche ich ihn an: „Geht es Ihnen gut?“ Die Antwort ist ein gestöhntes: „Nein.“ Ich: „Soll ich einen Arzt rufen?“ Und die Antwort werde ich wohl mein Lebtag nicht vergessen. Nach einem weiteren Stöhnen presst der Mann hervor: „Nein. Ich muss auf die Toilette! Dringend…“

Die Reise-Unterlagen für Kreuzfahrtgäste enthalten allerlei Angebote und nützliche Informationen. Doch es fehlt ein wichtiger Warnhinweis: „Auch wenn Sie es bezahlt haben – Sie müssen nicht alles essen, was an Bord angeboten wird. Es kann unter Umständen Ihrer Gesundheit schaden.“

Das es überhaupt eines solchen Hinweises bedürfte, wirft eine wichtige Frage auf: Warum essen Urlauber auf dem Wasser nur soviel? Ein Erklärungsversuch.

Erstens: Seeluft macht hungrig, das kennt man auch vom Strandurlaub. Doch da isst man höchstens mal ein Krabbenbrötchen. Auf einem Schiff lockt neben den üblichen fünf bis sechs täglichen Mahlzeiten am Pool noch der 24 Stunden-Grill mit Burger, Pommes und Currywurst. Wer kann da schon widerstehen? Schließlich möchte man das Schiff umfassend genießen.

Zweitens: Essen vertreibt Langeweile. Insbesondere bei den klassischen Atlantiküberquerungen strukturierten die Mahlzeiten die Tage auf See in gut verdauliche Häppchen. Auch heute hört man noch von den Reedereien, dass an Seetagen doppelt bis dreimal so viel gegessen wird wie an Hafentagen. Dass es an Bord auch Fitnessstudios gibt, wird im Urlaub gern verdrängt

Drittens: Was bezahlt wurde, wird auch gegessen. Während Getränke das Urlaubsbudget belasten, ist das Essen auf allen Kreuzfahrtschiffen im Reisepreis inkludiert. Wie sehr dieser Grundsatz den (Ehr)geiz der Passagiere weckt, zeigt sich beim Frühstück am Abreisetag: Verstohlen wickeln wir für den Rückweg selbstbelegte Brötchen in Papierservietten ein…

 

Kolume-Peggy-Essen

 

Frühstück, Frühschoppen, viergängiges Mittagessen, Kaffeezeit, Kapitänsdinner und Mitternachtssnack heißen die täglichen Herausforderungen. Und beim Landgang will man ja noch was Lokales probieren. Das ist schon eine gewaltige Aufgabe für die Peristaltik. Insbesondere, wenn man sich nur eingeschränkt bewegen kann. Allerdings: Beim Kampf um den besten Platz an der Futterluke sind selbst gebrechlich wirkende Passagiere erstaunlich agil. Und so schlägt man zu – bis einen die Kilojoule umhauen. Man könnte das den Fluch der Kaloribik nennen.

Dabei ist längst auch auf Kreuzfahrtschiffen der Trend zur gesunden Ernährung angekommen. Doch, zugegeben, wenn ich die Wahl habe zwischen „Roten Linsen an Wildkräutersalat“ und „Surf & Turf“, dann fällt meine Entscheidung nicht kalorienarm aus. Warum also sollte es den „Silver Agern“ auf einer Schiffsreise anders gehen, haben sie doch in ihrer Kindheit echte Traumata erlitten und wahre Entbehrungen erlebt! Das Buffet-Restaurant als Schlaraffenland. Flogen einem da nicht auch die gebratenen Täubchen in den Mund?

Ist also das Schlaraffenland, das Land der faulen Affen, in Wirklichkeit ein Kreuzfahrtschiff? Rechtfertigt das, jede Selbstkontrolle zu verlieren und einer zartbesaiteten Kolumnistin einen Mordsschrecken einjagen? Nein.

Auch deshalb rufe ich allen Gourmands an Bord zu: „Seid entspannt, ihr habt Urlaub. Und es gibt genug Essen für alle. Auch morgen.“ Zudem plädiere ich dafür, am Eingang zu den Buffet-Restaurants einen obligatorischen Warnhinweis anbringen zu lassen. Ich werde mit diesem Vorschlag bei den Reedereien vorsprechen. Sie werden begeistert sein…

 


Peggy Günther ist eine der wenigen Frauen in der Kreuzfahrt-Branche. Die freie Reisejournalistin kennt mehr als 70 Schiffe – vom kleinen Flusskreuzer bis zum größten Megaliner. Ihre Artikel erscheinen in diversen Publikationen, etwa in der Kreuzfahrtenbeilage der „Zeit“, im „Kreuzfahrt Guide“ und im Fachmagazin „An Bord“. Unter www.cruisine.de veröffentlicht sie ausgewählte Reisetagebücher, Tipps für individuelle Landgänge und die spitzen Kommentare ihres Alter Egos…