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„Panik auf dem Mittelmeer…“ die Kreuzfahrt-Kolumne von Richard J. Vogel

„Panik auf dem Mittelmeer…“ die Kreuzfahrt-Kolumne von Richard J. Vogel

Dahin geht die Reise! Die Kreuzfahrt-Kolumne von Richard J. Vogel. Er gehörte zum Gründungs-Team von AIDA, jetzt ist er als Kolumnist an Bord von MORE THAN CRUISES. In der aktuellen Ausgabe seiner Kreuzfahrt-Kolumne geht es um Eierlikör und Heavy Metal, Clowns und Klassik, kurz um – Themenkreuzfahrten

 

Header-Richard-J-Vogel

Panik auf dem Mittelmeer…

 

…oder: „Der Eierlikör ist alle!“ Das sind Überschriften, die normalerweise sowohl Kreuzfahrtbegeisterte und Reedereien, als auch die Produzenten eben dieses gelben, dickflüssigen Getränks in Angst und Schrecken versetzen sollten. Denn mit Panik macht man keine Werbung. Es sei denn, es handelt sich, wie in diesem Fall, um eine Themenkreuzfahrt. Oder, noch besser, um den „Rockliner“ mit Udo Lindenberg und seinem Panikorchester.

War es nun Glück oder geniale Taktung, dass ausgerechnet mit dem Start des Rockliners nicht nur Udos Geburtstagswochen eingeläutet wurden, sondern auch seine neue Platte (oder heißt das jetzt nur noch Tonträger?) „Stärker als die Zeit“ auf den Markt kam und durch die Decke ging? Gratulieren kann man allen Beteiligten: Udo, seinen Panikjüngern, dem Eierlikörproduzenten und Tui Cruises. Die öffentliche Wahrnehmung dieser Reise war immens, kein Tag, an dem nicht darüber berichtet wurde. Ob Print, TV oder in den sozialen Netzen. Die Propagandamaschine hat funktioniert. Selbst ich habe mich dazu hinreißen lassen, Fotos und Videos zu posten – so begeistert hat mich dieses Spektakel auf See.

Nun sind Themenkreuzfahrten nicht wirklich neu. Ich erinnere mich an eine Opernsängerin, die nahezu alle deutschen Kreuzfahrtschiffe besungen hat, und die Kreuzfahrt wurde vermarktet als „Klassik-Reise“. Oder fünf Spitzenköche zauberten ein Menü, und die Reise hieß „Culinaria“. Oder ein Clown trat auf, und schon hatte man eine „Zirkus-Kreuzfahrt“. Nun ändern sich bekanntermaßen nicht nur die Zeiten, sondern auch die Bedürfnisse…

In den USA, so Experten der Branche, sind Themenkreuzfahrten bereits ein alter Hut. Das stimmt. Doch bei näherer Betrachtung weisen diese nicht unerhebliche Unterschiede auf. Man muss nämlich differenzieren, ob eine Reederei durch Gast-Künstler ihr Programm aufpeppt, oder ob die ganze Kreuzfahrt unter einem Motto steht. „70.000 tons of Steel“ kann man durchaus aus als Vorbild für die „Full Metal Cruise“ heranziehen, die „Kiss Cruises“ mit der legendären Rock-Band sind in den USA nach wie vor ein Renner.

Doch wenn eine amerikanische Website angeblich fast 500 Themenreisen auflistet, da muss man schon genauer hinsehen. Bei den meisten handelt es sich um, wie bereits erwähnt, eher Ergänzungen zum Reiseprogramm. Die sind in der Regel im Reisepreis enthalten. Oder – wie das Beispiel der „Kiss Cruises“ zeigt – es sind Agenturen, die auf eigenes Risiko ein Schiff chartern, um ein Event an ihre Gäste zu vermarkten. Das heißt aber auch: Die Reedereien gehen bei solchen Veranstaltungen ein eher geringes Risiko ein.

Bei Tui Cruises sieht man das etwas anders. Denn auch die Ziele der Reederei sind deutlich nachhaltiger. Das Risiko, etwa beim „Rockliner“, liegt ganz bei der Reederei. Und es ist nicht unerheblich: Das Schiff muss mindestens ein Jahr im Voraus aus dem Verkauf genommen werden. Also zu einem Zeitpunkt, an dem das finale Set noch gar nicht feststeht. Gage und Aufwendungen müssen eingepreist, die internen Yield Vorgaben erfüllt werden und an der einen oder anderen Stelle vom eigentlichen Produktangebot abweichen. So ist manchem Barkellner nicht einfach zu vermitteln, warum er vor einem Bottich gefüllt mit gekühltem Dosenbier stehen soll, wo doch seine Kernkompetenz im Mixen von Cocktails besteht.

 

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Für eine Produktion wie den Rockliner oder auch für eine Full Metal Cruise werden leicht 90 bis 100 Kabinen benötigt, um Künstler, Produktionsteam, Presse, Techniker etc. unterzubringen. Kabinen, die nicht in den Verkauf gehen, und die damit – neben den Gagen – einen nicht unerheblichen Aufwand darstellen. Allein deshalb sind kleinere Schiffe eher ungeeignet.

Aber der Aufwand scheint sich zu lohnen. Denn Themenkreuzfahrten dieser Art sorgen für eine entsprechende Awareness, unterstützen die Positionierung der Marke, modernisieren das Produkt „Kreuzfahrt“, sind wirtschaftlich erfolgreich, und generieren neue Zielgruppen. Von denen im übrigen zwischen 15 und 30 Prozent als normale Kreuzfahrer wieder an Bord kommen. Davon profitiert die ganze Branche.

Wie wohl auch von der neuen Dimension und Definition der Themenkreuzfahrt, die man dem Mut und der Innovationskraft von Aida zuschreiben darf. Denn wöchentlich wiederkehrende Abfahrten ab Hamburg, selbst in Dunkelmonaten, bei Eis und Schnee, unter einer geschützten Kuppel – Spötter sprechen von einem „Centerpark auf See“ – werden auch eine Herausforderung an die Entertainment-Abteilung. Diese Reisen werden neue Gäste anziehen, die nicht nur wegen des günstigen Preises an Bord kommen. Die Branche darf sich freuen, denn auch von dieser Form der Kreuzfahrt profitieren alle Anbieter.

Ob sie aber ähnliche Emotionen hervorrufen wird wie die erste Full Metal Cruise in Deutschland, das wage ich zu bezweifeln. Denn wer liest schon gern: „Wie Wacken, nur ohne Dixie-Klo.“ Ich habe es damals sehr genossen, denn auch Themenkreuzfarten sind….

MORE THAN CRUISES!

Herzlichst

Ihr Richard J. Vogel

 


Richard J. Vogel war ab 1996 Geschäftsführer und Senior Vice President bei AIDA. Von dort wechselte er 2005 zur TUI AG, für die er die Produktphilosophie TUI Cruises entwickelte und das Joint Venture mit Royal Caribbean verhandelte. Als CEO führte er TUI Cruises von Beginn an bis Ende 2014. Der Vater zweier Kinder ist zur Zeit als Berater, Netzwerker und seit Neuestem auch als Kolumnist aktiv. Seine Leidenschaften sind Reisen, Laufen und Golf.