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Seetag ist Seh-Tag… die Kreuzfahrt-Kolumne von Richard J. Vogel

Seetag ist Seh-Tag… die Kreuzfahrt-Kolumne von Richard J. Vogel

Dahin geht die Reise! Die Kreuzfahrt-Kolumne von Richard J. Vogel. Er gehörte zum Gründungs-Team von AIDA, jetzt ist er als Kolumnist an Bord von MORE THAN CRUISES. In seiner aktuellen Kolumne schreibt er über ein Phänomen, für das eine eigene Lyrik erfunden wurde, wenn es heißt Seetag ist Seh-Tag...

 

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Seetag ist Seh-Tag…

 

…oder „Mehr vom Meer“. So oder ähnlich wird in den Katalogen der Tag beschrieben, an dem die Gäste tatsächlich an Bord sind und nicht an Land – bei einem Ausflug oder einem Stadtbummel. Der Seetag ist der Tag, an dem man endlich mal so richtig relaxen kann. So die Verheißung.

Nur: Mit dem Relaxen ist das so eine Sache. Für manche klingelt schon früh der Wecker, man bereitet sich auf die erste Joggingrunde vor, auf der man so ganz nebenbei das locker um den Hals geschwungene Handtuch auf einer Liege abwerfen kann. Wer weiß, vielleicht ist es ja nach dem Frühstück so voll, dass man sonst keinen Platz mehr fände für sich, sein Buch und den Partner.

Denn an Seetagen, schönes Wetter vorausgesetzt, geht’s rund. Da werden nicht nur die Liegen knapp. Wer nicht rechtzeitig sein Spa Treatment gebucht hat, wird an diesem Tag Pech haben und hat kaum eine Chance auf eine der begehrten Anwendungen. Denn Seetage sind nicht nur Sport-, sondern auch Schönheitstage.

Seetag ist auch Sport- und Schwitz-Tag…

Und Schwitztage. Das merkt man in der Sauna mit Meerblick, wenn es zum Aufguss so eng wird in der Holzkabine, dass es einem auch ohne Ofen heiß würde. Erfahrene Cruiser gehen an solchen Tagen den umgekehrten Weg. Sie warten vor der Sauna bis der Aufguss in vollem Gange ist, essen zuvor schon ein wenig von dem Obst, das eigentlich danach gereicht wird. Die Sauna betreten die Profis, wenn die meisten anderen die Hitze nicht mehr aushalten und raus stürzen. Und dann schwitzen sie allein, ohne das mitunter Angst einflößende Stöhnen der Mitreisenden. Mit unverstelltem Blick aufs Meer. Nur wer weise vorausplant oder antizyklisch lebt, für den wird der Seetag wahrlich zum Sehtag.

Zu sehen gibt es einiges. Nur das Meer sieht man bei vielen Schiffen nicht mehr. Sie sind so groß, so hoch und so vielfältig, dass sich immer mehr – auch am Seetag – im Inneren des Schiffes abspielt. Da gibt es Eislaufbahnen, Indoor-Soccer, Autoscooter, Wasserrutschen, Hochseilgärten, Bowlingbahnen und unzählige Bars. Zudem werden Kurse angeboten: Sushi-Making und Whisky-Tasting, Gitarrenworkshop und Art Auction, Foto-Schule und Entschleunigungsseminar – an Seetagen findet man in der Bordzeitung so viele Termine, dass schon das Durchlesen stresst.

 

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Die Vielfalt macht den Unterschied und die Qual der Wahl, sich entscheiden zu müssen. Sonnenbrand oder Barbeque, Yoga oder Fat Burner, Fine Dining oder Buffet, lesen oder vorlesen lassen. Viel mehr als nur Meer.

Waren es nun also wirklich bessere Zeiten, als das Meer und die Sehnsucht nach Weite und Ferne der Grund waren für den Urlaub auf einem Schiff? Als man sich zum Bridge oder Bingo traf, zum Afternoon-Tea oder Early-Bird-Drink, und die einzige Extremsportart Shuffleboard war? Ganz ehrlich, manchmal vermisse ich diese Zeit als Smartphones bzw. Handys an Bord unbrauchbar waren, kein Anruf die Idylle störte und mit dem Ablegen vom Hafen auch der Alltags zurück blieb – die Kreuzfahrt als Reise zu sich selbst.

Seetag ist Rock-Tag…

Aber, genau so ehrlich: So sehr ich mich manchmal nach der Zwangs-Entschleunigung der guten alten Zeit sehne, so selbstverständlich ist für mich längst das andere. Auch ich frage, wenn ich heute an Bord eines Schiffes einchecke, ob und wo es WLAN gibt, und wundere mich, dass es – bei all den technischen Möglichkeiten des Internetzugangs – nach wie vor wie ein Luxusgut berechnet wird.

Ich gehe gern an Bord eines Schiffes, das viel Abwechslung bietet. Und das sind nun oft größere Schiffe. Das liegt in der Physik der Sache. Für Themenreisen, die auch dazu dienen, neues Klientel an Bord zu locken, sind große Schiffe eine wesentliche Voraussetzung. So braucht man etwa zur Durchführung eines Rock-Konzerts an Bord allein 30 bis 40 Kabinen für Musiker, Manager und Rowdies, unglaublich viel Platz für Equipment. Kabinen, die nicht verkauft werden können.

Ich bin zur Zeit unterwegs mit dem „Rockliner 4“. Udo Lindenberg – und Special Guests – spielen auf der MEIN SCHIFF 3. Es wird bestimmt panisch-gut 😉 Das erste Konzert gibt es, klar (!), an einem See-Tag. Da werde dann auch ich den Blick nicht über das Meer schweifen lassen. In den Tagen darauf will ich aber sehen, was es sonst zu sehen gibt. Und wir reden darüber, welchen Stellenwert Themenkreuzfahrten heute haben, denn Kreuzfahren sind….

MORE THAN CRUISES!

Herzlichst

Ihr Richard J. Vogel

 


Richard J. Vogel war ab 1996 Geschäftsführer und Senior Vice President bei AIDA. Von dort wechselte er 2005 zur TUI AG, für die er die Produktphilosophie TUI Cruises entwickelte und das Joint Venture mit Royal Caribbean verhandelte. Als CEO führte er TUI Cruises von Beginn an bis Ende 2014. Der Vater zweier Kinder ist zur Zeit als Berater, Netzwerker und seit Neuestem auch als Kolumnist aktiv. Seine Leidenschaften sind Reisen, Laufen und Golf.